Vorgeknöpft


Auf der Meisterfeier der Handwerkskammer Berlin vor wenigen Wochen war lediglich einer in standesgemäßer Kleidung dabei – standesgemäß im Wortsinn, denn der frischgebackene Zimmerermeister holte seine Urkunde in Zimmermannskluft ab. Damit machte er als einziger Vertreter seiner Zunft diesem Gewerk alle Ehre und hob sich optisch toll hervor: schön mit den üblichen Schlaghosen, schwarzem Schlips, glänzenden Knöpfen und dem klassischen Hut dazu.

Jedes Teil der Kluft hat eine eigene Aufgabe: So sollen die Schlaghosen davor schützen, dass Holzspäne in die Schuhe fallen, der Schlips ist so gebunden, dass er sehr leicht aufgeht, sollte er sich einmal in einem Gerät verhaken. Sonst würde das ja glatt dem guten Gesellen, pardon, in diesem Fall dem Meister, die Luft abschnüren.

Die Berufskleidung in einer Bäckerei ist da wesentlich einfacher zu charakterisieren: Gut zu reinigen sollte sie sein. Im lebensmittelverarbeitenden Betrieb dreht sich vieles um Hygiene, so soll auch das Personal ordentlich und sauber aussehen. Deshalb die weiße Schürze, die weiße Oberbekleidung (meistens ein T-Shirt), die schwarz-weiße Hose. Auf diesem Muster fallen Flecken einfach nicht so stark auf, wie das auf einer einfarbigen Hose der Fall wäre.

Zu unserer Freisprechung Ende September bekamen die dreizehn Jungmeister und die eine Jungmeisterin als zusätzliches Bekleidungsstück eine Meisterjacke überreicht, jede individuell bestickt:Meisterjacke5

Meisterinnenjacke2

Das sieht sehr schick aus, besonders die kleine Brezel ist ein hübsches Accessoire. Aber wieso so fürchterlich viele Knöpfe? Zwei Knopfreihen und alle Knöpfe nicht festgenäht, wir waren echt schwer damit beschäftigt, bis die Jacken ordentlich saßen.

Für die Beschaffenheit der Jacken gibt es triftige Gründe, auch wenn diese heutzutage nicht mehr ganz so aktuell sind. Bei so alten Gewerken steht beim Zubehör die Zeit eben manchmal still.

Die losen Knöpfe erleichtern das Waschen der Kleidung. Besonders bei starken Verschmutzungen sind sehr heiße Temperaturen notwendig, um hartnäckige Flecken wie Fettspritzer wieder los zu werden. Das würden die Knöpfe meist nicht unbeschadet überstehen, also einfach raus damit und ab in die Kochwäsche mit der Jacke.Meisterinnenjacke4

Die zwei Knopfreihen ermöglichen, dass man den Latz der Jacke von links nach rechts knöpfen kann (so wie ich auf dem Bild) und umgekehrt. Das bedeutet: Der Latz ist doppelt, zwei baugleiche Stücke Stoff, die eine Seite liegt immer über der anderen. Bei starker Verschmutzung des oberen Latzes knöpft man die Jacke auf, legt das saubere Stück über das schmutzige und knöpft dann einfach wieder zu. Damit sieht die Meisterjacke im Handumdrehen wieder astrein aus.

2014-07-05 17.07.48

Ein toller Trick, dessen man sich früher eifrig bediente. Vor mehreren hundert Jahren leisteten sich Edelleute oder reiche Händler eigene Bedienstete des lebensmittelverarbeitenden Gewerbes. Wie die Dienerschaft so sollte auch das Küchenpersonal in einer Art Uniform stecken. Gewaschen wurde damals nicht ganz so häufig wie heute, also kam es sehr darauf an, dennoch eine gute und hygienische Figur zu machen. Rief der edle Arbeitgeber den Bäcker oder Koch (für Lob oder Tadel) zu sich, wurde also flugs umgeknöpft, um dem Dienstherrn mit makelloser Jacke gegenüber zu treten.

Oder wie Walther von der Vogelweide sagen würde: „Das Äußere lässt aufs Innere schließen.“

(Die Gründung der Berliner Bäckerinnung im Jahr 1272 – siehe erstes Foto – hat Walther von der Vogelweide längst nicht mehr mitbekommen: Er hat ein halbes Jahrhundert zuvor gelebt.)

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2 Kommentare

  1. Wieder was gelernt! Herzlichen Dank!

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  2. Ingrid

    Eine sehr schöne Jacke und die kleine Brezel das i-Tüpfelchen. Auch dein Bericht ist wieder interessant. Die Funktion der handwerkskleidung ist einem so gar nie aufgefallen 😊 Liebe Grüße ingrid

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