Gestemmt


Vor einigen Tagen war wieder einmal Probenwochenende meines Chores. Wie schon im September 2013 nahm ich die Überbleibsel von der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) aus der Innung mit, damals eine Menge Schweineohren. Diesmal war es allerdings nicht meine eigene ÜLU, sondern die der nachfolgenden Auszubildenden. In der Innung bin ich ja schon länger nicht mehr regelmäßig unterwegs, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls gab es diesmal ein paar Kilo Spritzgebäck, Übungsresultate von den Lehrlingen:

Auch diesmal verfehlte das Gebäck seine Wirkung nicht. Und führte zu einigen Fragen bei den Chorsängerinnen und -sängern. Speziell zu einer Frage: Warum gibt es eigentlich soviel mehr Bäcker als Bäckerinnen?

Nun, um in Zahlen zu sprechen: Etwa 20% aller Bäcker sind weiblich. Das ist natürlich auch unter den Lehrlingen entsprechend, in meiner Schulklasse waren wir ja zwei Frauen und mindestens 10 männliche Schüler. Auch im Meisterkurs bildete sich das exakt so ab, zwölf Männer, drei Frauen. Eine Erklärung dafür lässt sich ganz einfach herleiten (wenn es auch sicher nicht die einzige ist): Das Gewicht spielt eine zentrale Rolle.

Und zwar das Gewicht, dass man in der Backstube täglich stemmen muss. Ich hatte ja das Glück, in mehreren Backstuben Erfahrungen zu sammeln. In den größeren Backstuben sind Mehlsilos die Regel. Das Mehl wird von einem Mehlspeicher (meist im Keller der Bäckerei) über ein Rohrsystem direkt in den Kessel geleitet und dort zu Teig verarbeitet:

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In vielen kleineren Backstuben fehlt da schlicht die räumliche Kapazität, außerdem ist solch eine Anlage ein eher teures Unterfangen.

Das Mehl wird dort in Säcken von der Mühle angeliefert. Ich habe das im Artikel „Schleppend“ beschrieben, da haben wir zu zweit ca. 1,8 Tonnen Mehl gestemmt. In Säcken zu 25 Kilo, das macht es aber auch nur bedingt besser.

In einer der Backstuben waren Säcke zu 50 Kilo der Normalfall (das ist vermutlich bis heute so). Immerhin wurden die vom Mehllieferant selbst gestapelt, meistens in Dreier-Reihen, also drei Säcke übereinander. Der Geselle hat am Ende der Schicht schon einen Sack nach unten gestellt, um es dem (oder der) Ersten der folgenden Nacht etwas einfacher zu machen. In einer Nacht hatte er das allerdings vergessen, es war Sonntag Nacht, ich hatte Dienst und habe erstmal vor mich hin geflucht, als ich das bemerkte. So habe ich den 50-Kilo-Sack nach unten gewuchtet und über die Fliesen geschleift bis zu Mehlsackstandort. 

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Das habe ich auch immer schön zugegeben, dass das Heben von über 25 Kilo so gar nicht meins ist. In der Schulklasse wie bei den Backstubenkollegen wurde aber ordentlich mit utopischen Kilozahlen angegeben, die man so wuppen könne. Ich glaube da doch lieber der Geschichte einer Mitschülerin aus der Parallelklasse, die ihre Ausbildung wegen eines Bandscheibenvorfalls aufgeben musste – zu schweres Heben war die Ursache.

Andere Zutaten habe ich übrigens ausschließlich im 25-Kilo-Format kennen gelernt. Zucker, Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne, Sesam und andere Saaten, aber auch Salz. Das fand ich immer total blöd: Salzsäcke sind aus Plastik (damit Feuchtigkeit ausgeschlossen wird) und daher sehr mühselig zu tragen. Die rutschen von der Schulter und sind unförmig, wirken viel schwerer als andere Säcke. Vielleicht helfen da Übungen im Fitnessstudio. In das übrigens viele meiner Schulkollegen noch zusätzlich gegangen sind. Dazu war ich jedenfalls zu müde.

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Das ist vielleicht ein Grund, warum sich weniger Frauen für diesen doch ordentlich kräftezehrenden Beruf entscheiden.

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Apropos Gewicht: Seit ich selbst nicht mehr körperlich arbeite, habe ich übrigens zugenommen. Nicht in der Größenordnung eines Mehlsacks, aber genügend. Auch das ist jedoch eine andere Geschichte – und soll ein andermal erzählt werden.

Oder wie Gert Fröbe sagen würde: „Man ist niemals zu schwer für seine Größe, aber man ist oft zu klein für sein Gewicht.“

 

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