Intolerantes Wunderkind


Vor vielen Jahren hörte ich den Begriff Zöliakie zum ersten Mal. Damals, in einem Urlaub in Griechenland, trug ein Mann am Nebentisch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutsche Zöliakie-Gesellschaft“. Das sagte mir so absolut gar nichts.

Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr, dass mein Gesprächspartner an einer Krankheit litt, die durch Gluten ausgelöst wird. Der Stoff, der auch Klebereiweiß genannt wird und in vielen Getreidearten enthalten ist.

Der begegnete mir auf Schritt und Tritt in meiner Ausbildung. Das Klebereiweiß verbindet sich mit Flüssigkeit zu einem zähen Gebilde, also zu Teig. Ohne könnte man Brote ausschließlich in der Form backen und eben nicht frei schieben.

Zurück zur Zöliakie. So richtig erforscht wird diese erst seit zirka 80 Jahren und gilt mittlerweile als Volkskrankheit, denn etwa 1% der Bevölkerung in den Industrienationen leiden darunter. Symptome sind oft Übelkeit, Durchfall, Gewichtsverlust, Müdigkeit und bei betroffenen Kleinkindern zeigt sich eine sogenannte Gedeihstörung.

Vor einigen Monaten ist mir dazu diese Geschichte hier untergekommen, die ich sehr außergewöhnlich finde:

Christian Heinrich Heineken war ein ganz besonderes Kleinkind. Wie bei schon vielen Blogartikeln führt uns die Historie nach Lübeck, dort wurde er im Februar 1721 geboren. Schon bei seinem ersten Weihnachtsfest war er in der Lage, Dinge zu benennen und Bilder zu erklären. Kurz darauf konnte er lesen, konnte ganze Textpassagen aus der Bibel aufsagen – er verfügte über ein enormes Gedächtnis.

Als gerade einmal zweijähriger Knirps beherrschte er schon Latein und Französisch. Der dänische König lud ihn im Herbst 1724 an den dänischen Königshof ein. Christian Heinrich Heineken hatte im stolzen Alter von drei Jahren nämlich eine Geschichte Dänemarks verfasst, was ihm die Audienz beim König bescherte.

Meist kümmerten sich seine Amme Sophie und sein Lehrmeister von Schöneich um ihn, seine Eltern waren oft zu beschäftigt. Der Lehrmeister schrieb akribisch alles auf, was mit dem Kind zusammenhing: Neben den unterschiedlichsten Gebieten, auf denen Christian seine außergewöhnliche Gedächtnisleistung zeigte, notierte von Schöneich auch den körperlichen Zustand von Christian. Und der war wirklich nicht rosig.

Ungefähr von seinem ersten Geburtstag an wurde Christian immer schwächer, litt an Durchfall und war oft müde. Dazu kamen die ganzen Wunderkind-Termine und -verpflichtungen, die ihn sehr anstrengten. Als er mit vier Jahren das Schreiben lernte, war er oft zu schwach, um den Stift zu halten. Alleine konnte er sich ohnehin kaum auf den Beinen halten.

Im Juni 1725 starb Christian Heinrich Heineken. Über 200 Jahre später deutete man die detaillierten Beschreibungen Notizen seines Lehrmeisters als Symptome einer heftigen Zöliakie-Erkrankung. Dass dieses schlaue Kerlchen überhaupt über so etwas wie Schaffenskraft verfügte und durch seine frühen Werke berühmt wurde, verdanken wir seiner Amme Sophie. Sie hatte ihn viel länger als üblich gestillt und ihn so häufig vor der Aufnahme von klebereiweißhaltigen Speisen bewahrt. Dass Brot oder Haferbrei für den kleinen Knirps tödlich sind, ahnte man damals ja nicht.

Oder wie Claus Kleber sagen würde: „Gundula, ich bin entsetzt.“

Einen ausführlichen Artikel über den Wunderknaben kann man hier lesen. 

 

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4 Kommentare

  1. Addi

    Sehr schöne Geschichte!
    Oder wie ich sagen würde:“ Unverhofft kommt oft!“

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  2. ingrid

    liebe sandra, glutenunverträglichkeit läuft mir im alltag immer wieder über den weg. unzählige bücher behandeln dieses thema. gut finde ich „der weizenbauch“. da wird sehr sachlich das thema getreide behandelt. schade, dass obiges „wunderkind“ an zöliakie litt – wie hätte er in seinem leben sonst noch alles schaffen können! danke und liebe grüße ingrid

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  3. Ob „der Weizenbauch“ sachtlich mit dem Thema umgeht möchte ich mal dahingestellt lassen. Immerhin sieht sich der Autor als eine Art Anti-Gluten-Guru mit einer Mission, die Welt zu verbessern.
    Wichtig ist auch, die „Unverträglichkeit“ von der Zöliakie zu unterscheiden. Die Zöliakie ist eine echte Krankheit bei der jedes bißchen Gluten schadet. Die Unverträglichkeit ist es nicht – was schon alleine daran sichtbar ist, daß die scheinbar Unverträglichen es oft erst im späteren Lebensalter bekommen und dann z.B. Dinkel oder andere Urgetreide, die ja auch Gluten enthalten, doch vertragen können. Das legt den Schluß nahe, daß es gar nicht allein das Gluten ist, was nicht vertragen wird. Sondern andere Dinge da mit reinspielen (Streß, ungesunder Nahrungsmix, Conveniece-Food, unzureichendes Kauen usw.).

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  4. Sigrid

    Hallo, Sandra,
    das du dich daran erinnerst, wow.

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