Wie von Meisterhand


Man nehme: Pappe, dunkelgrünes Geschenkpapier, Fototapete, Kreide, eine vergrößerte Lithographie, einen Lampenfuß. Und immens viele Meter doppelseitiges Klebeband. Fertig ist die Meistertischdekoration.

Von wegen. Allein dieses Zubehör macht noch keine ordentliche Deko. Wir kommen aber hiermit zum spannenderen Teil der praktischen Prüfung: Die eigentliche Meisterprüfung. Den Teil, den ich auch gut bestanden habe. Ist ja viel netter, über so etwas zu schreiben…

Als angehende Meisterin ist man im Übrigen eierlegende Wollmilchsau par excellence. Thema der Präsentation, Dekoration, Schaustück, Meistermappe und natürlich die Backwerke selbst sollen aufeinander abgestimmt sein. Eine zusätzliche Ausbildung zur Schaufensterdekorateurin oder Werbegestalterin hätte sich bei diesem Unterfangen sicher als sehr hilfreich erwiesen. Im nächsten Leben dann.

Wochenlang habe ich die verschiedensten Präsentations-Themen hin und her gewälzt, nach Möglichkeit sollte es auch gut zu mir passen. Da war einiges im Gespräch: Zum Beispiel war Skandinavien lange mein Favorit. Unter anderem wegen des Schaustücks habe ich das wieder verworfen: Ich hatte dabei an ein Möbelstück gedacht. Aber ein Regal zu backen, das den Standards schwedischer Möbelkunst entspricht und auch noch gerade steht, war mir dann doch zu heikel.

Nach langer und reiflicher Überlegung habe ich mich für das Thema „Weizen“ entschieden. Der war in Mehlform in jedem Gebäck drin, das ich geplant hatte – und farblich konnte ich mir das gut vorstellen.

Gut, das Thema steht fest, machen wir uns an die Deko. Während der insgesamt 16 Stunden dauernden Prüfungszeit ist ein sogenanntes Schaufenster aufzubauen, alle Produkte einzuräumen und entsprechend zu präsentieren. Nackig sieht das „Gerüst“, das man gestellt bekommt, so aus:

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Die genauen Abmessungen haben wir einige Wochen vorher bekommen, damit wir auch wussten, wie viele Meter Stoff oder Pappe oder was auch immer zu besorgen sind. Zumeist werden die Schaufenster in Stoff eingehüllt, aus Gründen der Praktikabilität habe ich mich dagegen entschieden. Meine Zutaten waren eben Pappe, Papier, Foto und Stift. In vielen Stunden Arbeit entstand dann mein Hintergrund für alles, was ich kredenzen wollte:

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Auf der rechten Seite ist die vergrößerte Lithographie zum Thema Weizen aus dem Jahr 1890 zu sehen (was man bei Ebay nicht so alles findet). Die Mitte wird geschmückt von einer schicken Fototapete (in allerletzter Sekunde entdeckt, bestellt und gerade noch rechtzeitig geliefert worden). Links habe ich mit Kreide den Längsschnitt des Weizenkorns gezeichnet (siehe weiter unten).

Ich stamme aus einer sehr holz-affinen Familie. Meine Brüder haben bereits bei meinen beiden anderen Prüfungen durch hölzerne Accessoires dekorativ mitgeholfen. Dieses Mal war es mein Großvater, der hauptsächlich dazu beigetragen hat. Vor vielen Jahren hat er kleine Kunstwerke geschaffen, die grandios zu diesem Thema passten:

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Das hätte er vermutlich nicht gedacht. Sehr gern habe ich ihn auf diese Weise dabei gehabt.

Nun noch das Schaustück. Aus einem einfachen Teig sollte passend zum Thema ein dreidimensionales Gebilde entstehen, das zwar essbar, aber nicht zwingend genießbar sein musste. Ich hatte vor, das zu backen, was ein Bäcker-Lehrling so ziemlich als Erstes in der Berufsschule gezeigt bekommt: Den Längsschnitt durch ein Weizenkorn.

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Die Frucht- und Samenschale umhüllt das Korn samt dem hellen Mehlkörper und dem Keimling (rechts oben mit seinen vier Bestandteilen erklärt). Abschließend sieht man den kleinen Haarschopf, in vielen Lehrbüchern auch als „Bärtchen“ bezeichnet.

Das hat einiges Üben erfordert, bis es so wurde, wie ich wollte. In der Meisterprüfung hat es dann auch wunderbar geklappt – und auf einen umfunktionierten Lampenfuß aufgespießt fügte es sich sehr gut in meine restliche Dekoration ein. Da bin ich wirklich sehr stolz darauf:

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Schaustück

Der eigentliche Inhalt des Schaufensters ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Oder wie Sir Peter Ustinov sagen würde: „Der englische Sportler ist stolz darauf, ein guter Verlierer zu sein. Dadurch erreicht er, dass seine Gegner sich schuldig fühlen, wenn sie gewonnen haben.“

 

PS: Vielen Dank an Nadine für ihre stete Designberatung, die Engelsgeduld und ihren unermüdlichen Basteleifer!

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3 Kommentare

  1. ingrid

    toll, das weizenkorn! ich hätte nicht gewusst, wie ich sowas formen soll. und mit was für teig. eine geniale idee! bin schon gespannt auf das ganze fenster. der hintergrund und die seiten sind jedenfalls auch prima geworden. liebe grüße ingrid

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  2. Ich bin schwer beeindruckt! Warum sieht man sowas nie in einem Bäckereischaufenster??? LG Ulrike

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  3. Rosemarie*

    Welch super Idee und welch formschöne Realisierung!! In der Tat, wie viel anziehender wären unsere Bäckerläden, wenn es solche Dekos gäbe! Behalte dir die Wichtigkeit von „Kunst am Objekt“ – da scheint etwas Wesentliches durch!— Toi, toi, toi für deinen Endspurt! R*

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