Fundstück der Woche


Wir befinden uns an einem Punkt 53° nördlicher Breite und 9° östlicher Länge. So in etwa. Es ist ein Punkt in Schleswig-Holstein, ganz in der Nähe von Hamburg. Ein Kollege aus dem Meisterkurs war just dort, um in einem Betrieb Probearbeit zu leisten. Anders als in meinen früheren Jobs, in denen das Vorstellungsgespräch ausschlaggebend war, zeigt man nun direkt, was man so alles kann. Und arbeitet ein, zwei Schichten mit.

2014-08-08 09.44.05

Der Kollege war schon mal rein sprachlich gesehen im Heimvorteil, als ursprünglich Norddeutscher hatte er mit dem ortsüblichen Schnack keinerlei Probleme.

„Jo, dann wurde eben alles so aufgearbeitet und in die Rasche geschoben.“ Bitte was? Worein?

In die Rasche. Krass. Hatte ich noch nie gehört vorher, alle Umstehenden auch nicht. Wieder was gelernt, das nämlich ist der norddeutsche Ausdruck für „Gärraum“ oder „Gärschrank“ (bzw. „Garraum“ oder „Garschrank“, beides ist möglich).

Meint also den Teil der Backstube, in den Teiglinge verfrachtet werden, um die richtige Temperatur (ca. 37°C) und Luftfeuchtigkeit (ca. 75%) für eine ausgeprägte Gare zu erhalten. Hat die Größe eines Raumes oder ist so klein wie ein Schränkchen. Die Hefe kann dann noch mal richtig ackern, das Volumen soll sich ordentlich vergrößern, bis der Teigling die gewünschte Ofenreife hat.

Und heißt natürlich deswegen Rasche, weil es ja schneller voran geht mit dem Gärprozess.

In der gängigen Haushaltspraxis lässt man meist eher den gesamten Teig garen, bevor man sich an die Weiterverarbeitung macht.

DSC00406

Das Beispielfoto zeigt einen Teig, den man wohl eher zu lange sich selbst überlassen hat. Stichwort Übergare: Die Gebäcke laufen breit und bleiben flach, der Ausbund ist zu schwach, das Ergebnis schmeckt eher fade.

Preisfrage: Wie sagt man als norddeutscher Bäcker dazu?

Logo, der Teig ist „überrascht“! Toll. Sprache ist was Feines.

Oder wie Oscar Wilde sagen würde: „Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.“

 

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4 Kommentare

  1. ingrid

    ja, eine „rasche“ sollte man für jeden bereich des alltags bereit haben :-))
    sprache ist so ähnlich wie hefeteig – genial vielfältig zu verarbeiten. ich bin übrigens froh, deutsch aufgewachsen zu sein. lernen wollt ich die sprache auch nicht müssen… zu welchem zeitpunkt werden in der backstube die teiglinge geformt? ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das vor dem verdoppeln des teiges möglich ist. liebe grüße ingrid

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    • Möglich ist das eigentlich sofort, wenn der Teig auf dem Tisch ist. Damit der Teig nicht reißt beim Formen, gibt man ihm aber ein paar Minuten der Entspannung. Erst wenn die schlussendliche Form erreicht ist, gibt man dem Teigling Zeit, sich zu verdoppeln. Das so in ganz grob. Viele Ausnahmen bestätigen die Regel 🙂

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  2. Rosemarie*

    Na welche Über-raschung! Du findest doch immer wieder einen interessanten Aufhänger, Sandra! Auch „schlussendliche Form“ hört sich sehr professionell an!
    Das Foto von dem weglaufenden Teig könnte von mir stammen….inzwischen decke ich ihn ab. Schadet das?
    Ich wünsche dir viel Spaß beim Weiterpauken….! R*

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  3. ingrid

    so einen teig wie auf dem foto hatte ich noch nie. weil ich ja immer warte, dass er sich endlich verdoppelt hat :-)) aber meine mutter erzählte, dass ihr der hefeteig manchmal schon „entgegengekommen“ sei. ihr ging der teig ratzfatz. kunststück: sie nahm immer alles in warmem zustand: hefe, mehl, eier, zucker, salz, butter…

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