Gebackene Heimat


Nein, das heißt „Bollen“. Nicht „Bommel“. Ich spreche natürlich vom Wahrzeichen des Schwarzwalds, dem Hut da mit eben den Bollen oben drauf:

Bollehut

Der hatte viel zu suchen bei meiner praktischen Prüfung in dieser Woche. Am Freitagmittag war sie mit der Präsentation der Backwerke zu einem bestimmten Thema überstanden. Darauf komme ich noch ausführlich in einem der folgenden Artikel zurück. Ergebnisse gibt es erst Ende August, meine Neugier beschleunigt da leider nix.

Das Thema lautet in diesem Jahr „Heimat“. Ein dankbares Gebiet, da lässt sich eine Menge finden. Unter anderem hatte ich den Bollenhut mehrfach dabei untergebracht und wurde auch prompt dazu befragt. Klar war mir bekannt, dass es nicht nur Bollen in Rot auf dem Hut gibt. Die dürfen aber nur bei unverheirateten Mädchen darauf sein. Sobald sie im Hafen der Ehe angekommen sind, haben die Bollen schwarz zu sein. Dann weiß der Betrachter auch gleich Bescheid über den jeweiligen Familienstand.

Was ich aber nicht wusste, bevor ich mich intensiv damit auseinandersetzte: Der Bollenhut ist Teil der Tracht von gerade mal drei (!) benachbarten Dörfern: Gutach, Kirnbach, Hornberg-Reichenbach. Da leben heute ca. 3.500 Menschen. Also ein minikleines Gebiet. So ist es echt erstaunlich, dass der Hut zum Symbol des gesamten Schwarzwalds wurde. Den kennt man nahezu überall in der Welt.

Mitverantwortlich für diesen „Siegeszug“ waren Künstler, die auf allen möglichen Bildern zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bollenhüte malten. Das sieht halt doch sehr pittoresk aus und macht was her. Der Film „Schwarzwaldmädel“ aus dem Jahr 1950 tat zur Bekanntheit der Tracht sein Übriges dazu. War ja auch der bislang erfolgreichste deutsche Film mit ca. 15 Millionen Zuschauern. Was man nicht so alles lernt hier.

schwarzwaldmaedel_1950

Den Hut zieren insgesamt 14 Bollen, so angeordnet, dass man aber nur elf sieht, drei werden überdeckt. Er kann bis zu 2 Kilogramm wiegen, recht ordentlich, wenn man bedenkt, dass der ja meist über viele Stunden getragen wird.

Vor ein paar Wochen habe ich in einer Boulevard-Zeitschrift einen Artikel mit der Überschrift „Heimat ist meine Droge“ entdeckt. War natürlich im Wartezimmer eines Arztes, logo, sonst lese ich so was ja nicht. Echt! Jedenfalls ging es um einen Künstler meiner Heimat, Stefan Strumbel, der hauptsächlich Schwarzwaldmotive neu in Szene setzt:

Artikel Heimat ist meine Droge

Zu seinen Werken zählen zum Beispiel auch die Schwarzwaldhutträgerin, die gerade in eine Banane beißt oder auf einem anderen Bild eine Kalaschnikow trägt. Krasser Typ. Und wie passend für meine Prüfung! Ich habe den Artikel zur Präsentation gelegt.

Natürlich wollte ich auch gebackene Dekoration auffahren können. So habe ich mich daran gemacht, einen Bollenhut zu backen. Salzteig habe ich dafür schön mit entsprechenden Farben koloriert und losgeformt. Das macht prinzipiell echt Spaß, ich kann das sehr empfehlen (eine Anleitung siehe unter Rezepte). Allerdings war das in diesem Fall eine Riesenfummelei, insgesamt war ich einige Stunden damit beschäftigt. Aber endlich mal habe ich den heimischen Ofen wieder benutzt, normalerweise ist der bei mir im Moment eher ausgeschaltet.

Heraus kam das hier, tadaaa:

Gebackener Bollenhut

Sind zwar nur sieben Bollen, aber ich bin davon ausgegangen, dass die korrekte Anzahl hier nicht so bekannt ist. Hab ich auch schön verschwiegen. Und er wog nur schlappe 765 Gramm. Wäre er nicht wieder eingesunken, hätte man ihn sogar gut aufsetzen können. Ich hatte ihn für eine hutähnliche Form extra auf einem umgedrehten Teller gebacken. Er hatte sich dann aber doch dafür entschieden, ein flacher Hut zu werden. Bockiges Ding. Ich habe zugegebenermaßen etwas vor mich hin geflucht bei dieser Aktion.

Dafür habe ich bei der Präsentation mindestens so froh vor mich hin gelächelt, wie diese junge Dame hier im Bild:

IMG_2089

Das ist übrigens meine Nichte Laura. Steht ihr prima, so eine Tracht. Auch wenn sie sie lediglich zu Präsentationszwecken für ihren Arbeitgeber trug, normalerweise ist sie anders gekleidet. Wie gut, dass die Farbe von Krawatten wiederum nichts mit dem Familienstand zu tun hat. Sonst hätte ja Rot nichts bei unserem Alt-Bundeskanzler Schröder zu suchen. Eher vielfaches Schwarz. Aber lassen wir das.

Oder wie der im Schwarzwald wohnende Joachim „Jogi“ Löw sagen würde: „Da muss alles passen, wir müssen in Top-Form sein und wenn sich keiner verletzt, kann Deutschland Weltmeister werden.“

Mir reicht da der Gesellenbrief nach absolvierter Prüfung.

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6 Kommentare

  1. Du schreibst sooo gut! Habe Deinen kurzweiligen Bericht gerne gelesen und dazu noch was gelernt! Danke und liebe Grüße – Ulrike

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    • Oh, was für ein schönes Lob, vielen Dank! 🙂 Ich freue mich immer über deine Kommentare und dass dir mein Blog so gut gefällt. Liebe Grüße aus Berlin! Sandra

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  2. ingrid lüderitz

    liebe sandra, also dein blog ist wieder sensationell gut. in diesem bereich bist du längst meister! und das mit dem gesellenbrief ist dir so gut wie sicher :-)) sehr schön, dein bollenhutmädchen! liebe grüße ingrid

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    • Dankeschön für das schöne Lob! Vielleicht finde ich ja noch einen Verlag für weitere Azubi- und Brotgeschichten…Liebe Grüße aus Berlin! Sandra

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  3. Hi Sandra, supertoll geschriebener Bericht und dann noch mit Laura geschmückt – ich bin begeistert und habe jetzt auch die letzten drei Wochen blog nachgeholt (kleinlaut).

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    • Hihi, Dankeschön! 🙂 klar, wenn man schon so ein schönes Foto von der tollen Tracht-Nichte hat, muss man das ja veröffentlichen… freu dich schon mal auf den nächsten Beitrag, mehr sag ich nicht. 🙂

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