FKK und die Backstube


Jetzt muss ich mich aber doll konzentrieren, damit ich hier keinen Tippfehler reinbastle: Nachtbackverbot. So. Genau. Das gab es nämlich eine ganze Zeit lang, das so genannte Nachtbackverbot. Ich finde, das klingt nach der Untersagung von FKK am Wasser, ihr nicht?*

Jedenfalls, ernst zu nehmende Sache das. Im Jahr 1915, also vor fast 100 Jahren kam der Bundesrat auf die Idee, das Folgende zu verkünden:

„Alle Arbeiten, die zur Bereitung von Backwaren dienen, sind in Bäckereien und Konditoreien, auch wenn diese nur einen Nebenbetrieb darstellen, in der Zeit von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens verboten.“

baeckerei-mattern

Nett, oder? War aber gar nicht so unbedingt bäckerfreundlich gemeint, erstmal war es dafür gedacht, dass nicht so viel gebacken wurde, um die Getreidevorräte etwas zu schonen.

Die Gesellschaft befand sich damals aber in einem umfassenden Wandel, die Regelung wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg so beibehalten. Die Bäcker „sollten so vor Arbeitszeitüberschreitung und gesundheitsschädlicher Nachtarbeit geschützt werden.“

Später hat man den frühesten Arbeitsbeginn auf 4 Uhr verlegt, aber nur unter „Zurückstellung erheblicher sozialpolitischer Bedenken.“ Das Volk hatte die Bedenken allerdings nicht, sondern den Wunsch nach frischen Backwaren und das bitte morgens zum Frühstück. Knack&Back war eben noch nicht erfunden, das mit dem Aufbacken zu Hause noch nicht so im Trend. Vor 5:45 Uhr durfte auch nichts ausgeliefert werden.

Buchmann_3

Der späte Beginn des Arbeitstages wäre zwar super für alle, die in Bäckereien arbeiten. Ich fände das zur Zeit mehr als begrüßenswert, es ist WM-bedingt irre viel zu tun gerade und ich hätte nichts gegen diesen Schutz einzuwenden. Alle Chefs aber, die dafür Sorge zu tragen haben, dass mit der Bäckerei auch Geld verdient wird, fänden das wohl weniger prima.

Die Bestimmung galt sehr lange: 1996 wurde sie gemeinsam mit den alten Ladenschlusszeiten abgeschafft. Krass, erst seit 18 Jahren machen sich Bäcker, die schon nachts für das morgendliche Brötchenglück der Kunden sorgen, nicht mehr strafbar! Ausrufezeichen.

Natürlich wurde sich da all die Jahre nicht wirklich dran gehalten. Der SPIEGEL beschreibt in einem Artikel von 1979, dass mancherorts, zum Beispiel in Augsburg, sich über 80% aller dortigen Bäckereien null an die Vorschrift hielten. Auch in anderen Städten wurde nachts fröhlich gebacken, in oft 60% der Bäckereien.

Mit Frohsinn hatte das allerdings wenig zu tun, für viele bedeuteten Lieferungen zu größeren Kunden schlicht Einnahmen, die das Überleben sichern: „…jenen Betrieben, die ihre Frühkunden mit Fahrzeugen beliefern müssen, (bleibt) häufig nur die Wahl haben zwischen Einhaltung der vorgeschriebenen Arbeitszeit und dem Verlust der Kunden. Das gilt vor allem für Brötchenlieferanten von Bundeswehr-Kasernen, Frühschicht-Kantinen und Krankenhäusern, wo allemal zwischen sechs und sieben Uhr der Kaffee gereicht wird.“

Rolladen runter, Tür zu: Um die Termine zu halten, wurde eben im Geheimen gebacken. Wie die Luft bei hochgeheiztem Ofen in der Bäckerei gewesen sein muss, mag ich mir gar nicht vorstellen. 

19.jh._B_cker_3

Wurde man erwischt, drohten ca. 5.000 D-Mark Bußgeld. Das Nachtbackverbot gab es wohl nur in Deutschland und in Österreich. Schon Ende der Siebziger waren in verbotsfreien Ländern Fabriken am Start, die handwerkliche Bäckereibetriebe sukzessive verdrängten. Dazu gibt es ein tolles Zitat aus dieser Zeit vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks:

„Was das für den Verbraucher bedeutet, weiß jeder, der schon einmal in England, Holland oder Spanien sein Brot essen mußte.“

Ah ja. Das klingt nicht wirklich vorurteilsfrei. Aber würde man den Satz umformulieren auf die Produkte aus industrieller Fertigung, würde ich natürlich eifrig nicken.

Oder wie Humphrey Bogart sagen würde: „Was ich habe ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen.“

 

*In Bayern galt bis Ende 2013 das grundsätzliche Nacktbadeverbot.

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Hochinteressant und gut zu lesen! Klasse! LG Ulrike

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: