Achillesferse


In dieser Woche gab es einen besonderen Tag. Eigentlich. Aber diese Woche war insgesamt recht unspektakulär: Ich habe regulär gearbeitet. Der  Fußball-Zweitligist hatte am Montag ein Heimspiel, so war ich nicht in der Schule, sondern habe Brötchen hergestellt und anschließend zu Tausenden durch die Schneidemaschine gejagt.

Vor kurzem hat mir meine Freundin D. erzählt, dass sie eine Dokumentation gesehen hat über Nachtarbeiter. Sie hat mich gefragt, wie ich das eigentlich handhabe mit Schlafen, Essen, Bewegung, da ich ebenso einen vollkommen anderen Rhythmus habe als die meisten anderen arbeitenden Menschen.

Das mit dem Essen ist in der Tat nicht einfach, oft fehlt mir die Lust, einkaufen zu gehen, geschweige denn, mir noch etwas zu kochen. Einer der wesentlichen Punkte, der es einfacher erscheinen lässt, eine Ausbildung in jungen Jahren zu absolvieren. Da ist die Nahrungsaufnahme meist über die Kochkünste der Erziehungsberechtigten geregelt.

Aber zum Glück gibt es um die Ecke von mir einige Angebote: Da ist die Rathaus-Kantine, die ich gerne aufsuche. Da ist das Café der Kirche, was Essen zu Preisen, die auch ein Azubi gut verträgt, anbietet. Da sind viele kleine Läden, die sich auf günstige Mittagstische spezialisiert haben. Meist komme ich gegen Mittag nach Hause von der Arbeit, für mich ist es also eher das Abendbrot.

Den Punkt Bewegung kann ich getrost vernachlässigen. Es geht hier schließlich um schwere körperliche Arbeit, der Bäcker an sich kreiert Brote ja nicht im Sitzen. Ich finde, ich bewege mich ausreichend auf Schicht. Gut, meine Schulkollegen betätigen sich nach getaner Arbeit oft noch sportlich. Ähäm. Ich wüsste allerdings nicht, wann ich dafür noch die Zeit auftreiben sollte.

Meine Achillesferse ist der Schlaf. Mein Tagesablauf dreht sich fast ausschließlich darum. Seit ich den Betrieb im August 2013 gewechselt habe und dieser sich nun in Köpenick befindet, fange ich meistens um 2h an. Köpenick ist fies weit weg von mir aus, ich brauche eine knappe Stunde mit dem Bus dorthin. Das heißt, ca. 1h flitze ich aus dem Haus. Um einigermaßen wach zu flitzen, klingelt der Wecker spätestens um 0.30h. Zurückgerechnet – ich gehöre ja zu den Menschen, die eher viel Schlaf brauchen – sollte ich gegen 17h in Morpheus‘ Armen liegen. Das geschieht mit Ohropax und Schlafbrille.

Seit einigen Monaten liegt mein Sozialleben daher eher brach, ich fühle mich wie im Jetlag und bin momentan nun wirklich kein Kommunikationsgenie. Gäbe es den Blog nicht, hätten viele von mir seit Monaten nichts gehört. Der Gang ins Kino oder zum Getränk mit Freunden geht auch nur, wenn es mir gelingt, nach dem Heimkommen sofort zu schlafen bis  abends. Und das klappt nicht immer. Vor kurzem hatte mich D. zu einer Theaterpremiere eingeladen, ich habe mich sehr darauf gefreut und mich flugs nach der Arbeit hingelegt, damit ich auch fit bin abends. Trotz Wecker bin ich erst aufgewacht, als ich schon im Theater hätte sein sollen. Das Stück war wohl ziemlich gut.

Ich habe keine Ahnung, wie Bäcker das machen, die den Beruf bis zur Rente ausüben. Es ist sicher auch was anderes, wenn man ein Umfeld hat, das es eben nicht anders kennt. Ich hatte vorher die üblichen Arbeitszeiten, habe nachts geschlafen und war tagsüber wach. Meine Familie und meine Freunde kennen mich eben nur so. Ich habe unterschätzt, dass das alles nicht so einfach ist. Sehr unterschätzt.

Anfang der Woche hatte ich vor, sofort nach dem Heimkommen zu schlafen, um abends noch vor die Tür zu gehen, vielleicht ein wenig zu telefonieren und eventuell ein paar Geschenke auszupacken. Schließlich war mein Geburtstag. Und wegen einiger Reaktionen, wieso ich denn so schwer zu erreichen war, habe ich so dermaßen deutlich gemerkt, dass ich das hier dringend erklären musste mit dem Schlaf.

Es war mir fast egal, dass da draußen schönes Wetter war. Arbeiten ja alle, alleine genießt sich das nicht so gut. Meine Vorhänge haben die Sonne ausgesperrt, ich habe versucht zu schlafen. Das ging auch von 12h bis um 14h der Paketbote klingelte, der ein Päckchen für den Nachbarn abzugeben hatte. Anschließend war ich sehr wach, ich habe aber vehement versucht, das zu ignorieren. Um 17h habe ich aufgegeben, es mit einer Dusche versucht, bin ein bisschen durch meinen Kiez spaziert, war in meinem Lieblingsrestaurant mit meiner Freundin N. essen. Anschließend habe ich mich dann doch noch mal bis um 0h30 ins Bett gelegt.

Insgesamt kam ich so auf fünf Stunden Schlaf und die nicht zusammenhängend. Unausgeschlafen fehlt mir auch die Kraft für die Schicht, die aber dringend nötig ist.

S mit Brotschieber

 

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Ich habe das mit meiner Freundin J., die engagiert und mehrfach versucht hat, mich wegen des besonderen Tages zu erreichen, Tage später kurz diskutiert. Als Mutter zweier Kinder kennt sie das sehr gut, dass die Woche einfach zerfetzt ist, wenn zum Beispiel eines der Kinder schon am Montag oder Dienstag krank ist. Den fehlenden Schlaf der Woche kann man nicht mehr aufholen, es geht einfach nicht.

Aber Kinder werden größer, Mütter bekommen mehr Schlaf und Lehrjahre dauern ja glücklicherweise nicht ewig.

Oder wie die Kneipe gegenüber sagen würde:

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2 Kommentare

  1. Hallo Sandra,
    da fällt mir doch spontan noch was ein:
    In Freiburg gibt es den Chor der Bäckerinnung, wo nur Bäcker mitsingen – klar, zu den üblichen Chorprobezeiten arbeiten die ja. Der wurde vor Jahrzehnten gegründet, damit die Bäcker auch einem Vereinsleben fröhnen können. Allerdings haben auch die mit Nachwuchsmangel zu kämpfen.
    Viele Grüße aus dem Süden,
    J.

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  2. ingrid l.

    liebe sandra, das kann sich niemand vorstellen, der ein solch unbiologisches
    schlafenmüssen am tag nicht kennt. sagenhaft, dass du das so lange durchgehalten hast. und trotzdem noch die schwere arbeit tust und uns mit einem wöchentlichen blog verwöhnst. vielen dank dafür und für die folgenden wochen und monate alles gute. liebe grüße ingrid

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