Blackbox


„Brot ist ein traditionelles Nahrungsmittel, das aus einem Teig aus gemahlenem Getreide, Wasser, einem Triebmittel und meist weiteren Zutaten gebacken wird.“*

Soweit die Definition. Im Allgemeinen gilt für Gebackenes: Schmecken soll es und wenn möglich der Ernährung dienen. Doch davon gibt es Ausnahmen, wie die Geschichte zeigt.

Das sächsische Meißen dürfte allen hinlänglich bekannt sein als die Porzellanstadt, in der das zerbrechliche Gut seit Anfang des 18. Jahrhunderts hergestellt wird.

August der Starke hat die Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur 1710 gegründet. Unter seiner Regentschaft blühte der Porzellanhandel, zwischen Dresden und Meißen verkehrten regelmäßig porzellanbeladene Kuriere. Nun ist Meißen nicht nur bekannt für sein Porzellan, es gilt auch als Weinstadt. Davon überzeugten sich besagte Kuriere gerne und gingen meist recht angeschickert mit der fragilen Fracht auf Tour.

Dass auf diese Weise das Geschirr nicht immer vollständig heile ankam, lässt sich denken. Fand August der Starke nicht sehr lustig. Und weil Promilletests noch nicht auf dem Markt waren, heckte er eine List aus. Er befahl der Bäckerzunft, ein Gebäck zu kreieren, was in höchstem Maße zerbrechlich ist. Das wurde den Kurieren mitgegeben auf die Fahrt, sozusagen als Blackbox der einfachen Art: Es sollte schlicht unversehrt am Zielort ankommen. Wehe wenn nicht! Für den Fall waren Stockhiebe vorgesehen.

Und so sieht die Meißner Porzellanblackbox aus, eher bekannt unter dem anmutigen Namen „Fummel“:

Meissner_Fummel

Nicht unbedingt ein Ausbund an Schönheit, wenn ihr mich fragt. Aber darum ging es ja auch gar nicht, so eine Fummel hatte ja einen Auftrag. Aus einem ganz schlichten Teig, nur aus Wasser, Mehl und einem kleinen bisschen Fett bestehend, wurden diese handballgroßen Dinger gebacken. Gefüllt mit ca. zwei Litern Luft:

fummeloffen

Ob die Mitgabe der Fummel die Kuriere vom fröhlichen Weitertrinken und -fahren abgehalten hat, ist leider nicht überliefert.

Mittlerweile wird die Fummel nur noch für touristische Zwecke gebacken, es gibt eine einzige Konditorei, die die Berechtigung hat, die Dinger herzustellen. Etwa 800 Stück werden davon pro Monat verkauft. Wobei der Puderzucker obendrauf angeblich wenig zum Geschmackserlebnis beiträgt, was auch sonst wohl eher als fade einzustufen ist. Der Nährwert grenzt ebenfalls an Null.

Paare, die sich in Meißen trauen lassen, erhalten eine Fummel als Hochzeitsgeschenk als Sinnbild für die „Zerbrechlichkeit der Liebe“. Wie sich die Haltbarkeit des Gebäcks auf den Fortbestand der jeweiligen Ehe auswirkt, ist nicht bekannt.

Oder wie Mark Twain sagen würde: „Die besten Vergrößerungsgläser für die Freuden dieser Welt sind jene, aus denen man trinkt.“

*Quelle: Wikipedia.

Danke an P. für das Wissen um die Fummel!

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2 Kommentare

  1. ingrid l.

    was du so alles herausfindest! das mit dem fummel ist höchst interessant und ein beweis, dass august der starke auch eine starke fantasie hatte. deinen blog zu lesen ist wie das schmökern eines buches, bei dem ich mich auf jedes kapitel freue. grüßli ingrid

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  2. Rosemarie

    ^Liebe Bäckerin mit so viel Detailwissen! Eigentlich müsstest du Kursgebühren erheben!! Nun weiss ich endlich was in diesen Fummeln drin ist! Unglaublich, was du alles ausbuddelst! Ich bin jedesmal gespannt! R.

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