Abgedreht


…und die Fortsetzung folgt hier. Meinen Plan, den ich im vorherigen Artikel offenbarte, habe ich auch umgesetzt, mich nach der Schicht schnell umgezogen und bin nach Dahlem gefahren. Der Plan war allerdings nicht, dass ich zu spät dran war, weil mich mein Kollege noch verarzten musste. Ich habe mich sehr ordentlich kurz vor Schichtende am rechten Unterarm verbrannt. Irgendwie war mir die Ofenklappe im Weg.

So raste ich dann frisch verpflastert morgens um 6h15 zum Set an der Freien Universität in Dahlem. Auf dem Parkplatz dort standen der Catering-Wagen, mehrere Fahrzeuge für die Technik, ein Wagen, in dem die Damen der Maske aktiv waren und der Aufenthalts-Wagen für die Komparsen.

Die Produktions-Assistentin nahm mich in Empfang und schleppte mich sogleich in einen der Wagen, in dem meine Maskenbildnerin schon auf mich wartete. Bevor sie loslegte, fragte sie zögerlich: „Was hast du denn da im Gesicht?“ Ähm, ja. Es war Mehl, natürlich.

Wenn man so hektisch aus der Backstube aufbricht, kann das schon mal vorkommen, dass man noch Spuren des Arbeitens irgendwo hängen hat. Ich habe mich Stunden nach Schichtende schon mal gewundert, was eigentlich so ziept am Oberarm. Bis mir klar wurde, dass dort irgendwie ein wenig Teig klebte, der eingetrocknet war und am T-Shirt hängen blieb.

Jedenfalls wusch sie mir lachend das Mehl aus dem Gesicht, als ich ihr erklärt habe, wie das denn da hinkommt. Das hatte sie noch nie, dass sie eine Bäckerin für einen Film schminken sollte.

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Wir hätten uns auch fast verquatscht über diesem Thema, als der nächste schon ungeduldig in der Tür stand. Sie schickte mich zum Catering-Wagen, da solle ich nach dem Umziehen erstmal frühstücken und Kaffee trinken, das dauere sicher noch eine Weile, bis es losgehe. Das hatte ich wiederum noch nie: Für Komparsen gibt es am Catering-Wagen nix zu wollen. Man verpflegt sich selbst mit Stullen und findet es ganz toll, wenn es vor Ort immerhin Getränke gibt. Am Catering-Wagen schnorrt man normalerweise ganz heimlich. Und dieses Mal durfte ich ganz legal da hin, wow.

Aber erstmal umziehen, mein Kostüm stand ja schon bereit. Im Aufenthaltsraum für die – Achtung! – Schauspieler. Alle Achtung, was für ein Upgrade.

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Das, was ich da in der Hand hielt, war mein Funk-Mikro, das ich auch anzulegen hatte. Wozu auch immer das nötig war, ich weiß es leider nach wie vor nicht.

Und nun bin ich einfach so zum Catering hin und habe mich verköstigen lassen. War auch sehr lecker. Aber alles mit Vorsicht zu genießen, schließlich sollte nix auf das Kostüm gekleckert werden oder im Gesicht hängen bleiben. Macht sich nicht so gut auf den Aufnahmen. Die Kostüm-Frau verteilt dafür auch sehr große Lätzchen an alle Kostümierten.

Danach trug ich stolz wie Bolle einen Papp-Becher mit Kaffee in den Aufenthaltsraum, in dem ich dann endlich mal meinen Text lernte. Zum Glück waren das ja nur ein paar Zeilen. Zwischendurch habe ich meine Kollegin auch ein bisschen abgefragt, eine hauptamtliche Schauspielerin, die als Gerichts-Reporterin natürlich ungleich mehr zu lernen hatte.

Beim Abfragen wurde mir zum ersten Mal bewusst, was für eine Rolle mir da eigentlich zuteil wurde. Es geht um einen realen Gerichtsfall, ein vermeintlicher Justiz-Irrtum, der Fall hatte sich in Pforzheim Ende der 90er zugetragen. Ein Mann wurde damals wohl fälschlicherweise bezichtigt, seine Frau bis zur Bewusstlosigkeit stranguliert zu haben. Seither ist sie ein Pflegefall. Die genauen Umstände liegen nach wie vor im Dunkeln.

Mein Film-Mann zählte zwar zum Kreis der Hauptverdächtigen, aber als seine Film-Frau verhelfe ich ihm durch meine (wohl falsche) Aussage zu einem Alibi und habe so mit Schuld daran, dass der Falsche im Gefängnis landete.

Holla, das wurde mir beim Lesen des Drehbuchs gar nicht so klar. Logo, da hatte ich meinen Text ja noch nicht vor mir. Den ich nach unserer dreistündigen Wartezeit auch schon wieder vergessen hatte. Aber dann durfte ich in den Zeugenstand treten, einer der Hörsäle war zum Gerichtssaal umfunktioniert worden. Im Hintergrund prangte ein riesiges Baden-Württemberg-Wappen, ich fühlte mich ja richtig heimisch.

Blöderweise habe ich das auch so von mir gegeben, was der Regisseur sehr wohl hörte. „Ach, kannst du den Dialekt? Na, dann lass doch mal hören!“ Mit leicht dialektaler Färbung gefiel ihm mein Text viel besser, das würde ja sehr gut zur Rolle passen. Ich hab ja immer noch Hoffnung, dass man mich gar nicht sprechen hört, weil Musik über die Szene gelegt wird. Ansonsten gibt es meine paar Zeilen Text eben mit einem alemannischen Einschlag. Wir werden es sehen, nächstes Jahr in der ARD.

Am nächsten Tag ging es weiter, die Szene wurde nun mit anderer Kamera-Einstellung gedreht. Wieder ab in die Maske und die Umkleide, zum Catering-Wagen und zum Frühstück. Ich stand gerade beim Kaffee-Automaten, als mich einer der Hauptdarsteller (sonst zu sehen als Tatort-Kommissar in Stuttgart) ansprach. Ich hatte am Tag zuvor kein Wort mit ihm gewechselt, er war nie im Aufenthaltsraum, sondern ausschließlich im „Gerichtssaal“.

Und nun fragte er mich: „Du bist doch die Bäckerin, oder?“ Äh, ja, woher weißt du? „Na, das haben die Mädels aus der Maske erzählt, das klingt ja spannend!“ Das scheint also doch eher selten zu sein, dass sich jemand aus einem Handwerks-Beruf in ein Filmset verirrt.

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Nach meiner badisch anmutenden Aussage verlasse ich später zusammen mit meinem Film-Mann den Saal. Dort wartet bereits eine Horde sensationshungriger Journalisten, die uns sofort mit Fragen bedrängen und Fotos machen. Dafür war meine Verbrennung am Unterarm echt ungünstig, weil man den Verband ja sehen könnte. Solltet ihr den Film 2014 anschauen und eine kleine graue Jacke über meinem Arm entdecken, wisst ihr also jetzt, was die da verdeckt.

Oder wie Rudi Völler sagen würde: „Wir haben bis zum ersten Gegentor sehr gut gespielt. Leider fiel das schon in der sechsten Minute.“

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