Schleppend


Jede Woche ist eine Seite in meinem Berichtsheft fällig. Wenn ich das erwähne, fallen die meisten gerne vor Lachen vom Stuhl, besonders, wenn sie selbst eine Ausbildung absolviert haben, aber nicht daran gedacht haben, dass ich natürlich auch einmal pro Woche vor der leeren Seite sitze und sie füllen muss. Der Sinn der Sache ist eindeutig: Wenn man nicht zufällig einen Blog schreibt, wiederholt man mit dem Berichtsheft das, was man gelernt hat und es sitzt einfach besser.

So sieht das Heft aus, ist nur bei der Innung erhältlich (und die öffentlich zu erreichen ist ein langwieriges Unterfangen!), dafür zahlt man auch schlappe 15 Eur. Für einen Azubi knappe 4% vom Gehalt, wird aber meistens vom Betrieb bezahlt.

Berichtsheft Bäcker

Für alle, die (noch?) nie damit zu tun hatten: Auf diese eine Seite soll eingetragen werden

– die Woche, über die man Bericht führt

– die Tätigkeiten, die man so erledigt hat

– die Arbeitszeit, die man geleistet hat

– ein Lehrgespräch (z.B. über den Umgang mit Lauge)

– die Themengebiete, die in der Schule durchgenommen worden sind.

Das Berichtsheft kann nerven. Quatsch, es nervt, nicht nur mich, alle anderen Schüler auch. Nicht wenige darunter haben mittlerweile Lücken von bis zu einem halben Jahr zugegeben und verbringen dann ganze Wochenenden damit, zu überlegen, was sie denn so alles gemacht haben.

In einem kleineren Betrieb kann es eine Herausforderung darstellen, das sinnreich zu formulieren, wenn sich die Arbeiten eigentlich täglich wiederholen. Da halte ich mich gerne an das, was mein Meister mal gesagt hat: Abwechseln und immer mal wieder die Reihenfolge umstellen, pro Woche ein paar Sachen auslassen, die man dann in der nächsten Woche beschreibt. Die Seiten werden nicht nur vom Azubi selbst, sondern auch vom Ausbilder unterschrieben und der Schule zum Beispiel vor der Zulassung zur Zwischenprüfung vorgelegt. Dann wird geprüft, ob der Lehrling überhaupt alle Lehrplaninhalte absolviert hat.

In meinem Berichtsheft erwähne ich stets: „Verräumen von Lieferungen“. Einmal die Woche wird Mehl angeliefert, das bei uns in Säcken zu 25 Kilo ankommt, ein Silo haben wir (noch) nicht. Dazu kommen Saaten und Körner, also Leinsamen, Sonnenblumensamen, Kürbiskerne, Sesam, Mohn usw., Salz, Zucker, Milch, Butter, Buttermilch, Äpfel und all das, was man eben für die Produktion oder den Cafébetrieb so braucht.

Neulich habe ich fürchterlich schlecht geschlafen, das passiert mir zum Glück sehr selten, aber es passiert. So trabte ich dann unausgeglichen und schlecht gelaunt zur Schicht, habe aber meinem Kollegen gleich erklärt, dass ich nicht ganz auf der Höhe bin. Nachsicht mit mir wäre toll. Die übte er auch kräftig und bot mir mittags an, dass ich bald nach Hause könne, um Schlaf nachzuholen. Wir lägen ja ganz gut in der Zeit heute.

Ich hatte mich kaum 10 Minuten darüber und auf mein Bett gefreut, als der Mehllieferant in der Tür stand. Mist, heute schon?? Äh, wir dachten morgen erst, wie üblich?! Durch feiertägliche Verschieberei lud der dann an just dem Tag vier Paletten mit Zeugs ab, die ja auch nicht besser werden, wenn sie im Hof stehen. Also rein damit. Zu zweit. Ich dachte, mir fallen die Arme ab, so ohne Schlaf und Kraft.

Gefühlte Stunden später haben wir uns gegenseitig beglückwünscht, das geschafft zu haben. Und der Kollege trug bestimmt wesentlich mehr als ich. Wir haben mal kurz überschlagen, dass das in etwa 70 Säcke zu jeweils 25 Kilo waren, wir also „mal eben“ 1,8 Tonnen bewegt haben. Ohne die anderen Zutaten, die kommen da ja noch hinzu. Puh. Zum Glück war das nicht meine erste Woche der Bäckerlehre, Oberarmmuskeln hab ich ja bereits vorher entwickelt. Wenn nicht, hätte ich jetzt welche, ganz ohne Fitnessstudio.

Oder wie Paul Breitner sagen würde: „Dann kam das Elfmeterschießen. Wir hatten die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.“

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5 Kommentare

  1. Birgit

    Ach Sandra, das riecht immer so gut, wenn ich deinen Blog lese… Und das mit dem Heft beschäftigt mich: Wenn du drei Jahre lernst, wären das 150 Seiten oder 100 bei zwei Jahren, kommt das hin und liest das dann tatsächlich jemand? Und habt ihr tatsächlich jede Woche ein Lehrgespräch?

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    • Genau so siehts aus: circa 150 Seiten, ein paar weniger sind es durch Urlaub (ein paar Tage hat man ja auch als Azubi frei). Ich hab noch keine Ahnung, wie gründlich das gelesen wird, hab nur gehört, dass natürlich auch mal Beanstandungen vorkommen („viel zu knapp, detaillierter beschreiben“ usw.). Naja, eigentlich sollte man jede Woche ein Lehrgespräch haben, haut aber leider nicht immer so hin. Ich seh mittlerweile den Meister nur alle 2 Wochen, da wirds schon schwierig 🙂

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  2. Rosemarie Laser

    Hallo Sandra/“Mehldra“!
    Da bleibt mir ja die Puste weg, wenn ich lese, wieviele Säcke du da schleppst!! Und das nicht im Schlaf, sondern ohne Schlaf! Wenn ich einen Hut auf hätte, würde ich ihn mehrmals ziehen! Wenigstens hast du einen netten Kollegen…-
    Am Wo-ende habe ich mich auch mal wieder als Bäckerin versucht – bei Gelegenheit bräuchte ich mal einen Tipp für Schokoglasur – beim Schneiden meiner Möhrentorte hatte ich viele Schokoladenscherben!…..
    Ansonsten finde ich die Empfehlung für die Berichte sehr sinnig: abwechseln und die Reihenfolge umstellen!!! Das lässt sich auch auf andere Lebenslagen anweden!!-
    Mach’s gut, schöne Woche! Rosemarie*

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  3. Kathrin

    Hallo Sandra,
    da werden Erinnerungen an lange Wochenenden und viele Einträge, die mit „Ablage“ enden wach 😉
    Liebe Grüße aus Mannheim, Kathrin

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  4. Ich erinnere mich dunkel ans Berichtsheft: Als ich Betriebspraktikum machte, stand ich vier Wochen in der Lehrlingswerkstatt (Metallverarbeitung), habe praktisch einen Schnelldurchgang durch drei Jahre Lehre gemacht und durfte auch jede Woche einen Bericht abliefern.

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