Punkt

„Nu mach aber mal ’n Punkt!“ sagte meine Oma, wenn sie darauf hinweisen wollte, dass sie gänzlich anderer Meinung war oder sie jetzt keine Lust mehr hatte, ein Thema weiter zu vertiefen. Häufige Zielscheibe des eher ungeduldig geäußerten Satzes war früher mein Opa, als er noch lebte. Das mag nun ein wenig unwirsch klingen, aber für mich unterstreicht der Satz ihre unprätentiöse und selbstbestimmte Art.

Im Moment habe ich „nu mach aber mal ’n Punkt“ als Dauerschleife im Ohr, denn meine Oma hat vor kurzem selbst einen Punkt gemacht. Mit 101 Jahren starb sie Ende Februar.

2012 habe ich den Blog gestartet, um davon zu berichten, was ich so alles in meiner Bäckerlehre in Berlin erlebte. Es war ja auch ein recht gewagtes Unterfangen, als Mittdreißigerin nochmal unter die Azubis zu gehen. Der Blog war ein wunderbares Instrument, auch meine Familie im fernen Schwarzwald darüber zu informieren. Denn meine bäckereibedingten Arbeitszeiten ließen zum Telefonieren nur wenig Zeit.

Sobald ich etwas im Blog (sie sagte „Bloog“) veröffentlichte, bekam meine Oma den frisch ausgedruckten Artikel von einem meiner Familienmitglieder gebracht, sie war also immer auf dem neuesten Stand. Sie hatte jeden Artikel ordentlich abgeheftet, insgesamt füllte sie damit drei Ordner. Sie freute sich sehr an dem Fenster zu einer ganz anderen Welt. Manche Artikel las sie sechs- oder siebenmal, über einige sprachen wir dann auch länger. Darunter waren auch Beiträge, die ihr überhaupt nicht gefallen haben, klar: wo Lob ist, ist auch Kritik. Neugierig und wissbegierig war sie dabei aber immer und wurde nie müde, mehr über alles zu erfahren.

Ganz nebenbei hat sie mir auch berichtet, wie sie selbst Brot für die Familie und alle auf dem Hof gebacken hat, damals, vor 70-80 Jahren, mit dem familieneigenen Anstellgut für den Sauerteig. Ihre ältere Schwester hatte einen Bäcker geheiratet und in der Bäckerei an der Ostsee in Pommern Brot und Schrippen verkauft. Einer der Neffen meiner Oma war selbst auch Bäckermeister geworden. Das Thema war ihr also recht vertraut.

Einer meiner Brüder schlug irgendwann vor, ihr doch mal einen Computer zu besorgen – dann könne sie ins Internet und sich die neuesten Bloog-Artikel gleich selbst ansehen. Mit dem Satz „Meinste, mir ist langweilig? Ich bummel ja nicht!“ lehnte sie den Vorschlag sogleich empört ab. Sie hatte für jeden Tag einen Plan und wusste genau, was sie wann tun wollte. So lies sie sich lieber weiterhin die Ausdrucke vorbeibringen. Logisch, damit stellte sie auch sicher, dass sie zum aktuellen Beitrag auch gleich noch Besuch bekam.

Bis zum letzten Tag war sie sehr klar, aufmerksam und selbstbestimmt. Und hat mich sehr geprägt. Mit ihr geht auch der Blog, denn ohne sie kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, diesen weiter zu führen.

Danke an all meine Leserinnen und Leser! Es war eine gute, spannende und lehrreiche Zeit, es hat mir viel Spaß gemacht, über dieses wunderbare und außerordentlich facettenreiche Handwerk zu recherchieren und zu schreiben. Eure Ratschläge und Kommentare, Anregungen, Fragen, Lob, Kritik, Korrekturen, Hinweise, eigenen Geschichten und Fotos haben mir sehr viel Freude gemacht.

Oder wie meine Oma sagen würde: „Bloß keine schlechte Laune haben.“

 

 

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